Fabian Kessl

Einführung in die Ausstellung TRANSIT - Multimedia-Installationen im Dialog mit dem Werk Felix Nussbaums von Gabriele Undine Meyer im Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück

5. Februar 2012

„Transit“ – mit diesem Titel ist die heute zu eröffnende Ausstellung überschrieben. „Transit“ – damit benennt Gabriele Undine Meyer eine Perspektive, ihre Perspektive auf das Werk des Osnabrücker Malers Felix Nussbaum. „Transit“ meint Passagen, Übergangs- und Zwischenzonen und Phasen der Veränderung.

Wie rückt uns Gabriele Undine Meyer also ausgewählte Arbeiten von Felix Nussbaum in den Blick? Worauf richtet sie unseren Blick, wenn sie eine gezielte thematische Auswahl der Arbeiten von Felix Nussbaum mit zwei eigenen Multimedia-Installationen ins Gespräch bringt – und die damit neu entstandene Konstellation mit „Transit“ überschreibt?

Wir sehen an zwei weit voneinander entfernt liegenden Wänden im Hauptraum der Ausstellung jeweils etwa 15-20 Nussbaum-Bilder, einmal lauter Bilder, auf denen Häuser zu sehen sind – Hauswände, Fassaden und Straßenschluchten – und einmal Bilder mit Booten – ruhenden Ruderbooten, ans Land gezogenen Segelboote, vor allem aber: kleine Boote, Nußschalen. Es sind typische Nussbaum-Bilder, wenn sie auch nicht zu den bekannte gehören; Bilder, wie er sie vor allem während seiner Zeit in Rom und Ostende hergestellt hat; Bilder, die nur selten einen Menschen zeigen, uns eher Szenerien präsentieren, auf denen keine Bewegung, kein Leben zu sehen ist. Wir fragen uns bei der Betrachtung dieser Bilder: Lebt jemand in diesen Häusern, hinter diesen Fassaden?; Fährt überhaupt jemand mit diesen Booten hinaus aufs Meer?

Um nun vom einen zum andern Bildercluster zu gelangen, müssen wir nicht nur den ganzen Raum durchqueren, sondern werden auch fast daran gehindert – weil uns Gabriele Undine Meyer den Weg versperrt hat mit einer großformatigen Videoprojektion. Ganz im Gegensatz zu Nussbaums Bildern ist hier Bewegung, der schwankende Horizont der See und die Wellenberge und -täler davor. Doch auch hier ist niemand zu sehen, bleibt die Szenerie frei von menschlicher Aktivität – ja, die Schwarz-Weiß-Projektion des Meeres führt uns noch zu einer weiteren Abstraktion der Darstellung.
Was sehen wir hier?
Gabriele Undine Meyer führt uns in die Perspektive eines Schiffsreisenden. Immer wieder fast bedrohlich schwankend warten wir darauf, dass diese endlose Weite des Meeres – der Transit also, ein Ende findet. Doch die Fahrt bringt uns nicht übers Meer hinüber, auf die andere Seite des Raumes. Wie Felix Nussbaum uns keinen Blick hinter die Hausfassade gewährt, so gewährt uns Gabriele Undine Meyer keinen Blick hinter den Horizont, aufs andere Ufer. Sie hält unsere Blick vielmehr gefangen in der Position aus der Nußschale, in der auch die Filmende zu treiben scheint. Wir können uns dieser Position nur entziehen, wenn wir den Blick abwenden und an der Leinwand vorbeigehen.

Verweist uns Gabriele Undine Meyer hier also auf eine Perspektive, wie sie Felix Nussbaum selbst einnehmen musste – die Perspektive desjenigen im Transit? Felix Nussbaum musste als jüdischer Künstler 1933 bekanntlich die Villa Massimo in Rom verlassen, wo er einige Monate vorher als Gast der Deutschen Akademie eingezogen war. Seither und bis zu seiner Deportation und Ermordung 1944 verbrachte er sein Leben im Transit, im Übergang – zwischen Ostende, Brüssel und seiner Haft in Südfrankreich. Faszinierend an Nussbaums Leben in diesen Jahren ist einerseits immer wieder, dass er unter den Bedingungen der Flucht und in den letzten Monaten auch im Brüsseler Versteck, weiter gemalt hat. Seine Kunst scheint selbst für ihn eine Transitbewegung gewesen zu sein, ein Umgehen mit dem Alltag in der faschistischen Konstellation Europas, in die er unweigerlich eingewoben war, der er nicht entfliehen konnte. Die Dichte, mit der uns Gabriele Undine Meyer die Werke Nussbaums in den beiden Bildclustern in Petersburger Hängung präsentiert, aber auch der Kontrast zwischen der schwarz-weißen Videoperspektive aus der Nußschale heraus und den farbigen Nussbaum-Bildern vieler ruhender, ungenutzter Boote machen uns darauf aufmerksam.
Die totalitäre Situation hat Nussbaum nicht davon abgehalten zu malen. Andererseits ist Nussbaum gefangen im Transit, für ihn gibt es keinen Weg hinüber, auf die andere Seite des Meers, hinter den Horizont – auch das prägt seine Malerei, vor allem in der Brüsseler Zeit der 1940er Jahre.

Vielleicht hat Gabriele Undine Meyer bei der Konzeption dieser Ausstellung auch an den 1944 erstmals erschienenen Roman von Anna Seghers gedacht. Auch er heißt „Transit“ – und Seghers erzählt uns dort die Geschichte über einen heimat- und namenlosen Ich-Erzähler, der durch zufällige Begegnungen Anfang der 1940er Jahre im besetzten Frankreich mehrfach zum Boten wird, einen anderen Namen annimmt, und schließlich in ein neues Leben eintaucht. Die schlagartige Veränderung des eigenen Alltags gerade und zuerst für die jüdischen Deutschen – der Zwang zum Transit in ein neues Leben, das musste Felix Nussbaum wie Tausende andere brutal erleben. Anna Seghers macht uns darauf aufmerksam. Und zugleich weist sie auch auf die mögliche hoffnungsvolle Seite des Transits hin. Sie erzählt vom damaligen mexikanischen Generalkonsul in Marseille, der vielen tausend Europäern in diesen Jahren den Transit heraus aus Europa nach Mexiko eröffnete – fiktiv dem Ich-Erzähler in Seghers Roman, und ganz real Anna Seghers selbst. Seghers „Transit“ verweist also auch auf die Möglichkeiten des Übergangs, der Passage, in denen der Transit gelingt, hinausführt aus dem faschistischen Totalitarismus der 1940er Jahre – in eine andere Welt.

Felix Nussbaum ist eine solche Passage, ein Transit aus dem faschistischen Europa nicht gelungen, für ihn hat er sich nicht geöffnet – sein Transit hat in Auschwitz geendet.

Die zentrale Aussage, die uns Gabriele Undine Meyer mit ihrer Multimedia-Installation machen will, könnte daher gar nicht diejenige über die Ziele des Transits, des Übergangs und der Passage, sein – sondern die des Lebens, des Alltags, des Hoffens und Verzweifelns im Transit selbst.

Denn die durch die großformatige Videoprojektion unterbrochene Transitstrecke ist nicht nur eine Symbolisierung der Perspektive Nussbaums, seines Lebens im Transit – sie ist auch eine Symbolisierung der Perspektiven vieler heutiger Akteure, die wieder im Transit leben müssen, auch wenn wir das allzu oft übersehen. Denn das schwarz-weiße Meer, das uns da entgegen schwappt, könnte irgendein Meer sein – es ist nicht als ein bestimmtes erkennbar; es könnte das Mittelmeer oder der Atlantik sein, auf denen die europäischen Flüchtlinge, unter ihnen Anna Seghers, Anfang der 1940er Jahre den Transit nach Mexiko unternahmen; es könnte aber auch das Mittelmeer am Anfang des 21. Jahrhunderts sein – nördlich von Lybien, nördlich von Marokko, südlich von Sizilien, oder östlich von der Türkei. Der Blick, den wir dann stellvertretend einnehmen, ist der eines Flüchtlings aus dem Senegal oder aus Kenia, dem es nach einer bereits lebensgefährlichen Durchquerung der Sahara gelingt, auf ein völlig überfülltes, nur bedingt seetaugliches Boot nach Europa zu kommen. Und der nun in dieser Nußschale hockt, um das rettende Ufer Europas zu erreichen – in völliger Ungewissheit, ob er dieses erreicht, und wenn, was ihn dann dort erwartet.
Dass es ihr auch um diese Perspektiven der heute oft vergessenen Akteure im Transit geht, darauf weist uns Gabriele Undine Meyer schon beim Betreten des zentralen Ausstellungsraums hin. Dort drückt sie uns stellvertretend die Kopie eines zufällig ausgewählten Passes irgendeines Menschen von irgendwo in der Welt in die Hand – die Kopie also des wichtigsten Transitdokuments, das in der modernen Welt überhaupt existiert. Denn mein Pass entscheidet darüber, ob ich manche Transitstrecke überhaupt betreten darf – ob ich den Transit legal oder illegal unternehmen muss, und ob sich mir die Welt am anderen Ende des Transits eröffnet oder ob sie für mich verschlossen bleibt. Auch das kann uns das Leben von Felix Nussbaum illustrieren: Wenn Sie auf Ihrem Rückweg aus dem großen Ausstellungsraum noch die Dauerausstellung ein Stockwerk tiefer durchqueren, dann finden Sie dort Nussbaums „Fremdenpass“, 1935 von den deutschen Behörden ausgestellt.

Gabriele Undine Meyers beeindruckende Multimediainstallation stellt Fragen an uns als Betrachter, ruft uns an als diejenigen, denen zwar die Projektionswand im Weg steht, denen es dann aber doch ein leichtes ist, an ihr vorbeizugehen. Doch wir sollen nicht einfach vorbeigehen – Gabriele Undine Meyer will unseren Blick auf das Meer lenken, zu Nussbaums Bilder und zurück. Sie will unseren Blick weiten, auf die historischen wie heutigen Transitbewegungen. Aus der Perspektive afrikanischer MigrantInnen erscheint dann auf einmal der scheinbar unveränderte Horizont des Meeres, dem sich die MigrantInnen im Transit nicht entziehen können.

Gabriele Undine Meyer macht es uns nicht leicht mit dieser Multimedia-Installation, und zugleich erhebt sie nie den moralisierenden Zeigefinger. Das zeigt auch ihre zweite, im „Vertikalen Museum“ aufgestellte Multimedia-Installation: "projektion | ost" heißt diese Arbeit, in der die Künstlerin dem Thema Transit noch einmal auf einer anderen Ebene nachgeht: In der eigenen Familiengeschichte spürt sie der Flucht, dem Transit der Großmutter, nach dem Zusammenbruch des deutschen Faschismus nach. Sie stickt die Transiterfahrungen ihrer Großmutter in ein langes Band, liest sie uns gleichzeitig vor und projiziert sie uns in Familienfotografien.

Es ist die Stärke dieser Ausstellung, dass sie auch uns als Besucher einen Transitraum eröffnet, uns auf Passagen und Übergänge verweist und uns damit anfragt, uns hinweist auf die Zwischenzonen, die Grenzbereiche.
Wie nach jeder Transitbewegung ist der Ort, an dem wir landen, nicht mehr derselbe, wie der, an der wir gestartet sind.

Prof. Dr. Fabian Kessl, Universität Duisburg-Essen