Christiane Heuwinkel

Einführung in die Ausstellung
Gabriele Undine Meyer - RECALL KATZENSTEIN
Kunsthalle Bielefeld
Juni - August 2001

Bankier Alex Katzenstein.
Sohn: Moritz Willy Katzenstein, geb. in Bielefeld 1874.
Ehefrau: Selma Katzenstein, geb. Zehden.
Töchter: Marianne, geb. 1922;
Eva, geb. 1925;
mit dem Kindertransport nach England emigriert am 10.5.1939.
Moritz Willy und Selma Katzenstein emigrierten kurze Zeit später ebenfalls nach England. Die Eltern und Eva blieben in England. Marianne und ihr Ehemann Jehuda Bernstein emigrierten am 11.5.1954 in die USA. Sie lebten bis 1983 als Marianne und Julian Bern in Mount Vernon, Iowa. Marianne Bern lebt heute in Cedar Rapids, Iowa.
Baujahr des Hauses Viktoriastraße 24: um 1869.

Ein paar dürre Fakten nur, aber mehr ist auch nicht notwendig, vier deutsche Schicksale heraufzurufen, biographische Eckpfeiler einer Familiengeschichte, die einmalig und doch so eng verknotet ist mit der deutschen Geschichte, wie die all jener Juden, die das Dritte Reich Nazi- Deutschlands fliehen mussten - sofern sie es noch konnten. Doch >dargestellt< oder >thematisiert< finden wir dieses deutsche und auch Bielefelder Stück unserer Geschichte nicht in der Multimediainstallation der Bielefelder Künstlerin Gabriele Undine Meyer (*1955).
Vielmehr konzentriert sich die Künstlerin auf Fotografien dieser vier Menschen, die sie künstlerisch bearbeitet. Die Passfotos und Erinnerungsfotos aus dem privaten Album der Familie Katzenstein-Bern vergrößert sie auf großen Bögen des Pergaminseidenpapiers, das, auch als >Spinnwebpapier< bezeichnet, uns aus alten Fotoalben als Trennpapier vertraut ist.
Gabriele Undine Meyer trägt die Fotoemulsion mit breitem Pinsel in einem expressiven Gestus auf, so dass die Vergrößerungen zwischen Graphitzeichnungen und Malerei changieren. Die Grauwerte, Zwischentöne des Schwarzweiß, verstärken sich, Unschärfen lassen die neugewonnenen Porträts einerseits unklarer, andererseits ausdrücksschärfer, universaler vielleicht, wirken.

Vom Kindheitsfoto bis zur Aufnahme der erwachsenen Person ziehen sich die vier Porträtserien durch den Raum, geknickt und jeweils um drei schwarze Säulen herum gezogen, die hier als Eckpfeiler auch der individuellen Biographien genutzt werden, insoweit als jede dieser Geschichten ihre Brechung, ihren >Knick<, durch die Emigration erhielt. So verjüngen sich die Porträts im Zulaufen auf die Säule, wie sich die Lebensperspektive der vier Katzensteins verengt, um sich wieder zu erweitern in ihren zweiten Lebensabschnitten nach der Emigration.
Grundrisse des Hauses Viktoriastraße 24 werden verzerrt auf die Wände und den Boden projiziert und mit gelber Nachleuchtfarbe markiert. Alle sieben Minuten verlöscht das Licht für eine Minute, und man erkennt, stärker als bei normaler Ausstellungsbeleuchtung, den ursprünglichen Grundriss des Hauses, in dem die Künstlerin heute lebt und arbeitet. Die Topographie des Raumes tritt zurück zugunsten der wie losgelöst, schwebend wirkenden Linienstruktur. Eine Schichtung von Biographien wird spürbar, auf die die Künstlerin stieß und die sie quasi archäologisch von ihrer Gegenwart hin zur Gegenwart der Vergessenen künstlerisch bearbeitet.
Zur bildnerischen Gestaltung tritt wie eine Stimme aus dem OFF, aus der Vergangenheit, auch aus der räumlichen Distanz, die dreifach überlagerte Tonbandstimme der heute knapp achtzigjährigen Marianne Bern, die Gabriele Undine Meyer in diesem Frühjahr in Iowa besuchte und interviewte.
Auch hier wird Biographie nicht vorgeführt, chronologisch und kommentierend etwa, sondern in Bruchstücken, den Eckpfeilern ihres erinnerten Lebens evoziert. Erinnerung wird heraufgerufen, zurückgerufen in die Gegenwart, so wie der Titel RECALL es beschreibt. Die Künstlerin verknüpft Biographien - ihre eigene mit der der früheren Hausbewohner - nicht, um eine dokumentarische Spurensuche, oral history, zu betreiben (was auch ein verdienstvolles Unterfangen wäre), sondern um die Vergessenen wieder heraufzubeschwören.
Dabei widersteht sie der Gefahr, sich deren Leben anzueignen, indem sie es ordnet, kommentiert, gar deutet und sich in der Behaglichkeit des Denkens und Erzählens einrichtet. Vielmehr belässt sie den Fotografien ihren Hallraum. Die durch die künstlerische Bearbeitung gewonnene Unschärfe nutzt sie, um Distanz als Respekt spürbar zu machen. Sie zwingt ihnen nicht Nähe oder Persönlichkeit auf, sie lässt sie in der Schwebe - so wie das dünne Pergamin durchscheint und jedes Foto den Blick auf ein weiteres freigibt. Und so ist auch nicht der Gehalt der Erzählung, der anekdotische Kern, wichtig, vielmehr der Sprachfluss selbst, der die Erinnerung bewahrt.
Ein Satz von Christian Boltanski über sein eigenes Werk mag verdeutlichen, was auch Gabriele Undine Meyers auszeichnet: >>Meine Kunst hat das Bewusstsein von Holocaust - es ist nicht eine Kunst, die den Holocaust zum Thema hat oder etwa erklärt, sondern die sich erklärt, weil es den Holocaust gegeben hat. Es ist eine Kunst danach.<<
In ihrer RECALL-Reihe beschäftigt sich Gabriele Undine Meyer seit 1999 mit dem Bewahren und Produktivmachen von Erinnerung, mit anonymen Schwarzweiß-Fotografien etwa, die sie als Found Footage dem Müllcontainer entriss, sie bündelte, fototechnisch verfremdete und als Videoinstallation im Raum-Zeit-Kontinuum präsentierte (die dreiteilige Arbeit RECALL No. 2, 1999).

RECALL No. 3 (Frau), 1999, bearbeitete als großformatige Wandinstallation ein anonymes
Porträtfoto aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das auf dreißig Bögen Spinnwebpapier reproduziert wurde. Je näher die Betrachter kamen, von dem Bildnis angezogen wurden, desto stärker nahmen sie die malerische Struktur und die Beschaffenheit des Papiers wahr. Das Bildnis selbst löste sich vor ihren Augen in seine Materialität auf: Je näher man ein Bild ansieht, desto ferner blickt es zurück.
In RECALL MYSELF (2000) arbeitete Gabriele Undine Meyer erstmals mit einem direkten
autobiographischen Bezug, indem sie ein allerdings fiktives Selbstporträt als Kind konstruierte.

Durch ein zufälliges Gespräch stieß sie auf die Vor-Geschichte ihres Hauses, das heute als Teil des Künstlerhauses Artists Unlimited in der Bielefelder Viktoriastraße genutzt wird. Die räumliche Überlagerung ihrer heutigen Wohnsituation mit der der emigrierten Katzensteins wurde zum Katalysator einer persönlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte, die Betroffenheitspathos vermeidet, vielmehr versucht, individuelle Lebenslinien und -räume nachzuzeichnen und unserer ästhetischen Wahrnehmung zuzuführen.

Christiane Heuwinkel, Kunsthalle Bielefeld

erschienen in der Broschüre Gabriele Undine Meyer | Recall Katzenstein | Kunsthalle Bielefeld | 2001