Stefanie Haacke

Recall By Night

Statement zu der Multimediainstallation von Gabriele Undine Meyer zur Eröffnung der Ausstellung BIOS 4 am 5. Januar 2018 im Kunstraum hase29 in Osnabrück

Ich kenne Gabriele seit ein paar Jahren, und ich bin geehrt und erfreut, dass sie mich eingeladen hat, über ihre Arbeit zu sprechen als ein ‚Exemplar’ des Publikums, nicht als Kunstexpertin. Ich versuche also, meine direkte, subjektive, spezifische Reaktion auf die Installation zu beschreiben. Dabei spielen – möglicherweise – mein Alter, Geschlecht, Herkunft, kurz: das Erleben des 20. Jahrhunderts im Westen der Bundesrepublik eine Rolle.

Recall By Night
Ich sehe – und höre – Gabriele Undine Meyers Multimediainstallation „Recall By Night“
hier zum ersten Mal vollständig. Den suggestiven und eindringlichen Sound hat Chris Jones komponiert.
Was sehe ich: Ein riesiges unförmiges Objekt, mit schwarzer rauer, rissiger Oberfläche, in die unregelmäßig Fotografien, teilweise zerknickte und zerknüllte Bündel von Fotografien und auch alte Fotografierähmchen eingearbeitet sind, hängt tief über einem filigranen Bettgestell aus Metall.
Der erste Gedanke: Läge ich in diesem Bett, und würde ich, erwachend, diesen großen unförmigen, schweren Klumpen Material direkt über mir wahrnehmen, - mich würde Panik erfassen. Das ‚Bild’, das diese Installation aufruft, ist: Alpdruck. Die emotionale Wirkung stellt sich vor dem Erkennen irgendeiner Bedeutung, gleichsam unmittelbar, ein. Das Gefühl des Alpdrucks ist da, bevor die Installation ‚gelesen’ und durch Worte und Beschreibungen entziffert werden kann.

„Recall“ im Titel der Installation „Recall By Night“ bedeutet so viel wie „Erinnern“ im Sinne von „Vergegenwärtigen“. Das Wort kann aktives Erinnern und Gedenken meinen, und auch ein Erinnern, was uns geschieht oder zustößt ...
Gabriele hat seit 1999 einige Arbeiten unter dem Titel „recall“ ausgestellt. Viele dieser Arbeiten heben Individuelles, Momente hervor, „würdigen“, indem sie Ausschnitte aus Fotografien vergrößern, meist Gesichter, oder sogar nur Ausschnitte aus Gesichtern, die in neuem, zarten Material geradezu zum Leuchten gebracht werden, auf Spinnenwebpapier, auf vietnamesischer Seide ..., und es wird sichtbar, wie stark Gesichter und Blicke sind, auch wenn die Bilder nicht ‚scharf’ sind. Diese Arbeiten holen Individuelles und sein Geheimnis, oft das Geheimnis, das im Blick der Augen eines Menschen liegt, nah heran.

Dieses Werk hier nun ist ganz anders. Auch hier hat Gabriele mit Fotografien aus dem Fundus gearbeitet, der sich aus anonymen Nachlässen im Laufe der Jahre bei ihr gesammelt hat. Aber ganz anders als bisher. Wie die Fotografien hier verarbeitet sind, ist auf den ersten Blick eindeutig und auf den zweiten höchst ambivalent. Der erste Blick zeigt sie gleichsam zertreten, zerstört in schwärzlich getrockneter Erde, der Oberfläche des riesigen, hängenden Haufens amorphen Materials, in das sie eingearbeitet sind. Ineinandergeknüllt, beschmutzt, wie Weggeworfenes, Wiederauftauchendes …
Wenn man herantritt und sie im Einzelnen betrachtet, leuchten sie auf und enthüllen Motive von Menschen in Portraitpositur, Familien-, Freizeit-, Ausflugsfotos, dazwischen aber auch Schreckliches, augenscheinlich Tote der europäischen Kriege des 20. Jahrhunderts. Und kaum betrachtet man die Fotos aus der Nähe, stellt sich eine Art Zeittunnel-Phänomen ein. Der längst vergangene Augenblick, den die Fotografie zitiert, wird gesehen mit Augen von jetzt, die Bedeutung suchen, Geschichten ahnen, Atmosphären zu spüren meinen. Die Bilder verweisen auf etwas Verschwundenes. Auch sie haben, wie die ganze Installation, metaphorischen Charakter, rufen das Kontinuum von Erinnern, Vergessen, Verlieren, Wiederauftauchen hervor.

Diesmal also ein recall nicht als Nachdenken über das Bewahren, sondern ein recall, der das Erinnern im Vergessen oder vielleicht das Vergessen selbst zum Gegenstand macht, das individuelle Geschichten unter sich begräbt. Statt uns in einzelne Fotografien hineinzuziehen, führt uns das Werk die Fotos als Material vor, an dem Erinnerungsspuren haften ... Es thematisiert zugleich das Vergessen und das Erinnern und vor allem die Fragilität und Unbeherrschbarkeit des Erinnerungsprozesses. Ein Bild der Ohnmacht der Erinnerung und gleichzeitig ihrer unheimlichen Macht, mit der sie hochwühlt, was längst untergepflügt schien, und die auf uns lastet.

Stefanie Haacke, Schreibberaterin, Universität Bielefeld