Benedikt Sturzenhecker

Lost + Found

“Was in Ihrem Leben haben Sie verloren?” und “Was haben Sie gefunden?” –
diese beiden Fragen stellte die Bielefelder Künstlerin Gabriele Undine Meyer Menschen im Alter von über 70 Jahren.
Es wird öffentlich viel über Alter geredet, aber die Alten selbst sind kaum zu hören. Es wird über Renten, Demenz und Pflegekosten debattiert, jedoch kaum über die reichen Lebenserfahrungen älterer Menschen. Deshalb wollte die Künstlerin mit alten Menschen ins Gespräch kommen und sie selbst zu Wort kommen lassen. Innerhalb eines Jahres besuchte die Künstlerin einundvierzig Menschen zuhause, und es wurden ausführliche, intensive und sehr unterschiedliche Gespräche geführt. Im Prozess des Erzählens, Zuhörens und Nachfragens entstand auch eine Verdichtung von Lebenserfahrungen. So konnte auf die beiden Fragen nach dem Gefundenen und Verlorenen schließlich mit nur einem Wort geantwortet werden. Die Künstlerin bat die Befragten, ihr Wort für das im Lebenslauf Verlorene mit der Hand aufzuschreiben. Die schreibende Hand wurde dabei gefilmt. Dann blickten die Beteiligten in die Kamera und sprachen ihr Wort für das Gefundene aus. Aus diesem Schrift- und Videomaterial entwickelte Gabriele Undine Meyer die Installation
„Lost + Found“. So wird das Verlorene schriftlich und das Gefundene mündlich dokumentiert.
Es entsteht ein spannungsvolles Zueinander von Schriftzeichen und persönlichem Sprechen. In der Verdichtung in Sprache und Bild wird die Lebenserfahrung der Beteiligten zu einer poetischen Aussage. Sie ist ganz persönlich und wird doch allgemein. Die Befragten werden in ihrer großen Individualität und Besonderheit erkennbar, aber die künstlerische Gestaltung öffnet auch für die Anschlüsse und Assoziationen der Betrachter. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten, ihre Handschrift und ihre Aussage erzeugen einen starken Eindruck. Die persönliche Lebenserfahrung der Beteiligten leuchtet in einem Moment intensiver Präsenz auf und wird dabei in ihrer Einzigartigkeit und Intimität respektiert.
Das Video wird ergänzt durch eine Installation mit verschiedensten Stofftaschentüchern. Auf jedes der Taschentücher ist mit schwarzem Garn einer der Begriffe gestickt, den die Befragten für ihr Verlorenes gefunden haben. Jeder bzw. jede der Befragten hat sich ein solches Taschentuch aus der Sammlung der Künstlerin ausgesucht, und die Stickerei bildet die persönliche Handschrift der Person ab.
Die beiden Elemente des Videos und der Taschentücher-Installation bilden einen Raum im Raum, in dem die Bilder sprechen und das Gesagte nachwirken kann. Die beteiligten Männer und Frauen mit ihrer über siebzigjährigen Lebenserfahrungen offerieren mithilfe der Künstlerin ein poetisches Geschenk: Die Vielfalt und Tiefe, die Trauer und die Freude des Verlierens und Findens im Lebenslauf kann die Reflexion der Betrachterinnen anstoßen und bereichern. Man beginnt, sich zu fragen, wer was verloren oder gefunden hat, was man selbst verloren hat, vielleicht verlieren möchte, nicht gesucht, aber doch gefunden hat. Über die Generationen hinweg entsteht ein zwischenmenschliches Gespräch über Verluste und über das was bleibt.

(Text erschienen in der Broschüre Gabriele Undine Meyer, Lost + Found, Bielefeld 2014)