Gisela Burkamp

Einführung in die Ausstellung
Gabriele Undine Meyer - Ich baue ein Haus auf dem Atlantik
Kunstverein Oerlinghausen
Oktober - Dezember 2007

Das Berliner Institut für Museumsforschung, dem auch der Oerlinghauser Kunstverein seine Besucherzahlen und Ausstellungsdaten regelmäßig übermittelt, kommt in seinem jüngsten Jahresreport zu dem Schluss, dass sich das Betrachterverhalten gewandelt habe. Immer mehr würden Bilder als historische Quellen unserer Zeit genutzt. Nicht mehr Bewunderung und bedingungslose Andacht seien ausschlaggebend, vielmehr würden an die Kunst nun verstärkt Fragen gestellt.

Lässt man die Ausstellungen in der Synagoge einmal Revue passieren, dann kann uns diese Erkenntnis nicht als neu verwundern. Das gilt sowohl für L’art pour l’art, also für eine Kunst, die in ihren ureigenen Mitteln genau sich und die damit verbundene Autonomie von Malerei oder Skulptur reflektiert. Das bezieht sich aber auch für die Verbindung von ästhetischen Formprinzipien mit abstrakten, wie aktuellen Themen zu einem konkreten Kunstwerk.
In Oerlinghausen wissen wir um eine zusätzliche Bereicherung, dass nämlich der Raum Synagoge sich als eine ganz wesentliche historische Quelle erweist, die immer wieder von Künstlerinnen und Künstlern – und nicht nur um den 9. November herum- als inspirierende Herausforderung angenommen wird. Für unseren heutigen Gast, für Gabriele Undine Meyer kommt noch ein weiteres hinzu. Die Vergangenheit des Raumes führt direkt zu einem wichtigen Werkbereich ihrer Kunst, der thematisch, wenn auch gröblich verallgemeinernd, mit Erinnerungsarbeit zu umschreiben ist.
Formal und das heißt kunstschöpferisch bevorzugt sie in jüngster Zeit Fotografie, zuvor und daneben aber auch den freien, faszinierenden Umgang mit unterschiedlichen Materialien. Sie bündelt deren eigenen Erzählstrang mit den bewusst gesetzten Aussagen individueller Formerfindungen und den immateriellen Funden aus Zeitstudien. „Recall“ hat sie eine Reihe dieser Arbeiten genannt, „Recall Katzenstein“ zum Beispiel die vielgestaltige, visuelle Wiederaufrufung einer jüdischen Familiengeschichte.
Ihre Installationen sind immer sowohl taktile wie fragile Kompositionen, das heisst ihre Oberflächen bieten Reibungsansätze, Verletzungen, Verstörungen. Sie sind fast spürbare, Material gewordene Empfindsamkeit. Hat man aber ihre Quellen erschlossen, hat man sie also befragt, offenbaren sie aufgrund ihrer bestürzend wahrhaftigen künstlerischen Konzeption eine zweite, darunter liegende Sinnfläche. Und darum geht es letztlich immer, nämlich in welchem Qualitätsverhältnis stehen Intention und ausgeführte Arbeit.
Für Ihre neueste Installation hat G.U. Meyer arme Materialien gewählt, wertlose Abbruchhölzer, wehrhaft zersplittert. Sie haben sich ihrer ursprünglichen Realität entäußert, haben die Funktion des Tragens, des festen Grundes, des Schutzes verloren. Dafür ist aus der Dekonstruktion eine vielschichtige Konstruktion entstanden mit reichstrukturierten Oberflächen. Voller Unruhe und Untiefen, zum Betreten, gar Wohnen ungeeignet, gefährlich wie Wellenbrecher und Springfluten. Wasser hat keine Balken.

Das titelgebende Zitat von Hannah Arendt erhält im Kontext dieser Arbeit eine bestimmte Tendenz, besonders wenn man noch dazu die leichte Abwandlung berücksichtigt, denn H.A. sagte „Auf dem Atlantik baue ich mein Haus“. Die große Soziologin und Politologin, die 1906 in Deutschland geboren wurde, galt ab 1937 als staatenlos bis sie 1951 amerikanische Staatsbürgerin wurde. „Deutsch“ bedeutete für sie Muttersprache, Philosophie und Dichtung. Als Deutsche im Verständnis nationaler Zugehörigkeit fühlte sie sich nicht.
Das Haus auf dem Atlantik, auf dem Meer der Entdecker, Händler und Flüchtlinge, zwischen den Kontinenten, zwischen den Menschen unterschiedlicher Kulturen und Vergangenheiten, mag sowohl ein Bild für Heimatlosigkeit sein, als auch für die Vision von einer geistigen Heimat ohne Grenzen stehen, mit einer tragfähigen Basis aus Humanität. Ein Luftschloss ist es gewiss nicht, und trotzdem bleibt ein Rest von Widersinn in diesem Satz.
Die kleinen Häuser von G.U.Meyer spiegeln alle diese Eindrücke, wie auch die nicht genannten der einzelnen Betrachter. Sie sind zum einen symbolträchtige Metaphern für Geborgenheit und Zuhausesein. Zum anderen zeigen sie sich in anrührender Haltlosigkeit auf diesem schwankenden Bretterfeld, einsturzgefährdet, auch wenn sie sich trotzig an einen Grund zu klammern scheinen.
Das Haus als formales Sinnbild hat bemerkenswerte Tradition, gerade auch hier in der Synagoge, denken wir u.a. an Pokornys Skulpturen, an Wulf Kirschners Arbeiten und an das gefährdete Haus von Timm Ulrichs. Man könnte noch die körperlos scheinenden Reishäuser von Wolfgang Laib hinzunehmen oder die spielzeugkleinen Gebäude von Kiecol. Was sie alle mit den Häusern von Meyer verbindet, ist die Reduktion auf den Prototyp, wie ihn auch Kinder zeichnen, allerdings ohne Fenster und Türen. Zu einer jedes Leben abweisenden Verschlossenheit kommt beschwerend in diesem Fall die matte, bleiern wirkende Haut, die grau-schwarze Farbe, die jeden Anflug von Heimeligkeit unterwandert und den Eindruck von Anonymität verstärkt. Es sind serielle Hausformen, Schablonen, und sie tragen kein Versprechen in sich, „Haus“ zu sein, so wenig wie auf dem Atlantik Häuser gebaut werden können. Sie sind auch keine Arche Noah. Sie wirken wie aus der Zeit gefallen.

Muss man das alles bedenken und ins Feld führen? Im ersten Schritt, beim ersten Betrachten gewiss nicht. Da geht es zunächst eben nicht um die Aussage, sondern um die formale Kraft, die diese erst in Gang setzt, um Material, Struktur, Komposition, um die besondere Situation im Raum. Um Innovation. Und da ist der Eindruck nachhaltig genug. „Die Story steht auf guten Kunstwerken selten drauf, wir müssen sie selbst erzählen“, befand der Autor Jörg Heiser. Tatsächlich geht es konkret um jene zwei Oberflächen, die miteinander im Dialog stehen.
Und genau da begegnen wir bei Gabriele Meyer, deren materialgewordene Formulierung mit eindringlicher Intensität ein Bild von Aufbruch und Scheitern entworfen hat. Und fällt der Blick von hier drinnen nach draußen stoßen wir auf die eigene Behaustheit, und von uns auf die anderer. Wir werden konfrontiert, ja bedrängt von weitergehenden Deutungen, von sowohl historischen wie aktuellen Ereignissen und Phänomenen. Wem kommen denn nicht die jüngsten Bilder von afrikanischen Flüchtlingen ins Gedächtnis, die in hölzernen Nussschalen über den Atlantik oder das Mittelmeer den europäischen Kontinent erreichen wollen?
Und dann kommen jene Menschen in Erinnerung, die 1970 dem Krieg in Vietnam entfliehen wollten und für die ein neues Wort geprägt wurde: boat- people. Und noch einmal gut 20 Jahre zurück: 1947 war es die Odyssee der Exodus, wie die 4515 Holocaust- Überlebenden den ehemaligen Ausflugsdampfer tauften, der sie von Frankreich nach Haifa bringen sollte, wo ihnen die britische Administration ausgerechnet unter dem Codewort „Aktion Oase“ die Einreise verwehrte und sie zurückschickte bis ihre Reise schließlich in Hamburg ein jämmerliches Ende fand.
Erinnern bleibt subjektiv, Assoziationen sind frei. Sie auszulösen spricht für die große Kraft der Arbeit von Gabriele Meyer. Darum ist der Verweis auf die Bootsflüchtlinge in der Installation auch nur eine von mehreren Deutungsoptionen. Konkret wird Gabriele Undine Meyer in einem Bild. Dieses Blatt ist in einer kleinen Auflage entstanden und unten zu sehen und zu erwerben.

Gisela Burkamp, Kunsthistorikerin, Kunstverein Oerlinghausen.