Michael Kröger
Wo sind wir, wenn wir ein Foto sehen?

Einführung in die Ausstellung
Gabriele Undine Meyer - Hazy Days
Galerie GUM, Bielefeld
Februar - März 2009

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts verlief der zentrale Diskurs der Fotografie über das Medium der fotografischen Zeit. Das fotografische Bild verkörpere, so Roland Barthes, einen früher gewesenen Moment – Ça-a-été– „es-ist-so-gewesen“ lautet die Botschaft jeder Fotografie. Heute, 20 Jahre nach Roland Barthes’ legendärer Schrift La chambre claire, hat sich der Diskurs des Fotografischen in sein Gegenteil umgekehrt. Bilder der Photographie heißt ein kürzlich von Bernd Stiegler herausgegebenes Buch. Und dessen Untertitel ist bezeichnend: Ein Album photographischer Metaphern. In seinem Vorwort zitiert Stiegler den französischen Bild-Theoretiker Hubert Damisch, nach dem die Fotografie eine Kunst sei, in der das Licht seine eigene Metapher hervorbringe.
Dem heutigen fotografischen Diskurs geht es nicht mehr um die Evidenz einer Natur des Fotografischen, sondern eher umgekehrt um das Bild einer auch fotografisch erzeugten Natur, die die Wahrnehmung des Fotografischen in uns, den Betrachtern hinterlässt. Wenn die Natur der Fotografie eine spezifische Zeit markiert – ein Bild gewesenes Jetzt – dann verkörpert der aktuelle Diskurs der Metapher der Fotografie umgekehrt – ein im Bild gegenwärtig gemachtes Bild des Fotografischen. Und um genau diese Suche nach einer Art Duplizierung des Fotografischen scheint es auch Gabriele Undine Meyer zu gehen. Sie interessiert offensichtlich die Frage: Wie könnte ein Bild erscheinen, das a u c h eine Fotografie darstellt? Das Problem ist ja: weder kennen wir heute die eindeutige Natur von Bildern, noch die Unwirklichkeit von fotografischer Zeit, die ja auch eine mehrdeutige Form von Zeit im Bild repräsentiert.
Wir leben heute in einer Kultur, in der wir Zeit nicht mehr wahrnehmen, sondern die Form einer Beschleunigung selbst er-leben – und wenn wir diesen Zusammenhang denkend sehen wollen, dann brauchen wir Bilder, die das Verschwinden und das Entstehen des Zeitlichen reflektieren können.
Die Fotografie ist seit ihren Anfängen ein Medium der Verdopplung. Ein Foto erzeugt ein Bild und damit eine Idee seiner Reproduzierbarkeit. Meyers fotografische Arbeiten spielen nun mit einer dritten, zusätzliche Idee – nämlich wie sich Bilder buchstäblich aus Zeitschichten aufbauen. Es entsteht eine gegenwärtig entstehende Zeit. Ihre Bilder steigern unsere alltägliche Zeiterfahrung, indem sie Bildräume multipliziert. Verkörperte die Fotografie eine Welt im Bild, so sehen wir in Hazy Days: Fragmente aus Bildern mit Bildern. Wer wie Gabriele Undine Meyer fotografiert, versucht, den Lauf der Zeit in paradoxer Weise umzukehren. Sie verdoppelt die Welt und ihre Zeit in einem Bild, dessen Oberfläche an viele und sehr unterschiedliche Zeiten erinnert.
Die Künstlerin versucht nicht, Zeit zu fixieren, sondern sie schafft Bilder, die die Multiplizierung des Gegenwärtigen im Bild festzuhalten versuchen. Es scheint, dass es heute nicht mehr eine Zeit gibt, sondern vielmehr unterschiedlichste Zeiten, eine Zeit des Anfangens, eine Zeit des Endens, eine Zeit der Überblendung, eine Zeit des Abweichens. Wer genauer in Meyers Bilder hineinsieht, der stößt auf Irritierendes, auf eine flimmernde Unbestimmtheit, auf changierende Farbwechsel, auf ein unentwirrbares Ineinander von feinen Details, groben Texturen, sich bildenden Mustern. Die Zeiten verschwimmen in dem Maße, wie Fiktionen im Bild und als Bildung von Bildern zu wuchern beginnen.
Dieser Effekt ist buchstäblich verwirrend: In diesen hier präsentierten Oberflächen können wir nicht mehr unterscheiden, ob es sich um photogene Bilder oder um eine Art metaphorisch gewordene Fotografie handelt. Die Bilder, die so entstehen, offenbaren eine Art fotografischen Konjunktiv – es könnte eine Fotografie sein, die wie ein nicht-fotografisches Bild wirkt. Ein solches Bild unterschiedlicher ineinander geblendeter Gegenwarten erzeugt eine opake und assoziative Oberfläche, eine Art verdoppelter Fotografie - Metapher und Medium, Mysterium der Zeit und Magie des Bildes, das sich so einfach nicht definieren lassen will.
In seinem jüngsten Roman RUHM notiert Daniel Kehlmann an einer Stelle eine Lebenserfahrung, die an das Medium Fotografie und an die Bilder des Projektes Hazy Days erinnert. Kehlmann schreibt dort: Wie merkwürdig, dass die Technik uns in eine Welt ohne feste Orte versetzt hat. Man spricht aus dem nirgendwo, man kann überall sein, und da sich nichts überprüfen lässt, ist alles was man sich vorstellt auch wahr.
Die Wahrheit in Meyers photogenen Bildern, die auch Fotografien sind, liegt nur zum Teil in den Bildern. Der größere unsichtbare Teil liegt vermutlich in den Betrachtern verborgen, die zu Zeugen ihrer Beobachtungskunst werden. Überlassen sie sich ihren Assoziationen, werden sie staunen, wohin die Auswahl, die ihre Blicke intuitiv vornimmt, sie entführen wird.

Dr. Michael Kröger, wissenschaftlicher Kurator, MARTa Herford