Friederike Fast

Einführung in die Ausstellung
Gabriele Undine Meyer – Dark Days/Light Days
Galerie écart, Osnabrück
Februar - April 2010

Als ich die Arbeiten Dark Days / Light Days von Gabriele Undine Meyer erstmals sah, fiel mir sogleich ein Text von Friedrich Nietzsche ein mit dem Titel Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. In diesem Text thematisiert Nietzsche das Verhältnis zwischen Individuum und Geschichte. Darin findet sich auch eine prägnante Stelle über die Erinnerung:
„Es ist ein Wunder: der Augenblick, im Husch da, im Husch vorüber. Vorher ein Nichts, nachher ein Nichts, kommt doch noch als Gespenst wieder, und stört die Ruhe eines späteren Augenblicks. Fortwährend löst sich ein Blatt aus der Rolle der Zeit, fällt heraus, flattert fort – und flattert plötzlich wieder zurück, dem Menschen in den Schoß. Dann sagt der Mensch „ich erinnere mich“ und beneidet das Tier, welches sofort vergisst und jeden Augenblick wirklich sterben, in Nebel und Nacht zurücksinken und auf immer verlöschen sieht.“ (1)
Diese Abhandlung, die Friedrich Nietzsche als eine „unzeitgemäße Betrachtung der Gesellschaft“ bezeichnet, dient ihm als Kulturkritik an der Geschichtsgläubigkeit seiner akademischen Zeitgenossen. Er richtet damit aber zugleich den Blick auf die menschliche Begabung der individuellen Erinnerung und schließlich auf die persönliche Verantwortung im Umgang damit. Welche Erinnerungen erlangen für uns nachhaltige Bedeutung? Welche werden dem Vergessen preisgegeben? Wie subjektiv oder objektiv sind diese Erinnerungen? Und was schließen wir daraus für unser Handeln?
Mit einem einfachen Trick, einer Art Handlungsanleitung, hat sich Gabriele Undine Meyer der Frage nach unseren Erinnerungen gewidmet: Über den Zeitraum eines Jahres (von Mai 2008 bis Mai 2009) hat sie stündlich ein Foto aufgenommen und auf diese Weise eine Art visuelles Tagebuch verfasst. Die sechzehn Abbildungen, die täglich entstanden, legte sie am Computer übereinander. Diese Motivschichtungen wurden dann lediglich noch in Opazität, Helligkeit oder Kontrast manipuliert. So multiplizierte sich die Helligkeit zu den lichten Light Days oder verdichteten sich die Strukturen zu den dunklen Dark Days.
Gabriele Undine Meyer verwendet wiederholt die Fotografie als Medium für ihre künstlerische Arbeit. Sie bezeichnet sie bewusst als „Fotografische Arbeiten“, da sie eigentlich sehr untypisch für die klassischen Disziplinen der Fotografie sind. Mit ihren teils aquarellierend malerischen Qualitäten, teils nahezu textilen Strukturen konterkarieren sie die gewohnten scharfen Kontraste der Fotografien, die den besonderen Augenblick möglichst exakt abbilden und verewigen möchte. Dark Days / Light Days, wie auch die Videos Chinese Kitchen und Skyscraper, thematisieren das Vergehen von Zeit durch die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen oder zeichnen die Unschärfe persönlicher Erinnerungen nach. In ihrer schwarzweißen, melancholischen Tonigkeit erinnern sie aber auch an frühere Arbeiten von Gabriele Undine Meyer, so z.B. Beatifics oder Recall, bei denen historische Portraits wie Geister in Erscheinung treten, als Spuren der Zeit, Schatten der Erinnerung.
Für Dark Days / Light Days gilt eigentlich das Gleiche wie für Erinnerungen: Mehr ist hier Weniger, denn die Addition abstrahiert bestimmte Details der Motive, vernebelt sie und lässt sie beinah in gleißendem Licht aufgehen oder in dem Gewirr dunkler Linien verschwinden. Auch durch die Verbindung verschiedener Nah- und Fernblicke entstehen ganz eigene, irritierende Bildräume, die eine längere Zeit der Betrachtung erfordern, um die Details wieder herauszulösen und sie vollständig zu erschließen. Wie ein Vexierbild scheinen sie mehrere Wirklichkeiten zugleich in sich zu tragen, um markant ihre Gültigkeit einzufordern oder doch mit dem Fluss der Zeit davonzueilen. „Im Husch da, im Husch vorüber. Vorher ein Nichts, nachher ein Nichts...“

(1) Friedrich Nietzsche: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1873, erschienen im Philipp Reclam Jun. Verlag, Stuttgart, 1991

Friederike Fast, Kuratorin, MARTa Herford