Benedikt Sturzenhecker
Begegnung mit den Vergangenen

Katalogtext
Gabriele Undine Meyer, RECALL - Arbeiten zum Thema Erinnerung

Die dreiteilige Installation RECALL No. 2 ist zentral für eine Deutung der RECALL-Arbeiten von Gabriele Undine Meyer. Sie besteht aus:
- einem hölzernen Teewagen mit gestapelten und verschnürten originalen
SW-Fotografien aus privaten Fotoalben ca. aus den Jahren 1900 - 1950;
- 252 mit Fotoemulsion auf Pergamin (Spinnwebpapier aus alten Fotoalben)
reproduzierten Portraits von Menschen aus dieser Fotosammlung, die teilweise einander überdeckend und sich in den Raum hineinwölbend an beiden Seiten
eines Stahlgestells angebracht sind;
- einem Monitor mit einem Videotape, das die bearbeiteten Portraits einzeln
jeweils 10 Sekunden lang in leichten Bewegungen zeigt.

Mit dem Titel "RECALL No. 2" verweist Gabriele Undine Meyer auf Erinnerung. Die Arbeit kann verstanden werden als ein dreistufiger Versuch eines Erinnerungsprozesses, als ein Versuch, sich der Menschen der Vergangenheit anzunehmen, sie "wiederzurufen" und Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Dabei geht es nicht um konkrete Personen der eigenen Biografie, sondern allgemeiner um die Vorgeborenen. Die drei Elemente von RECALL
No. 2 sind Phasen eines solchen Prozesses: der Teewagen mit den Fotostapeln lässt sich als Zurückholen der Vorwelt deuten, die Installation der reproduzierten Portraits als Begegnung mit den Vergangenen in der Mitwelt und das Video als Projektion der wiederhergestellten Beziehung in eine Nachwelt.

Der Teewagen mit den geordneten und verschnürten Fotostapeln aus privaten Fotoalben zieht Vergangenheit herauf. Er wirkt wie ein improvisierter Karren, mit dem ein Sammler des Vergangenen Schätze aus dem Reich des Vergessenen geborgen und in unser Welt gebracht hat. Solche Päckchen von Erinnerungsfotos liegen ohne Beachtung, ohne Betrachtung in vielen Schubladen. Die Nachgeborenen ignorieren die Vergangenen oder machen mit
(Re-)Konstruktionen die Geschichte und deren Subjekte zum Objekt. Letzteres geschieht häufig mit Hilfe des Mediums der Fotografie, das im Moment der Erstellung lebendige Momente bezeugen und konservieren soll, aber statt dessen auf Tod verweist (so Roland Barthes).

Der Mittelteil der Arbeit - die sich dem Betrachter entgegenwölbenden Bilderfelder - kann gedeutet werden als eine Alternative dazu: wie durch Licht-und-Schatten-Magie erscheinen die Vergangenen aus den Fotostapeln hier auf dem Spinnwebpapier. Die schemenhafte Schwarz-Weiss- Zeichnung und der malerische Duktus der Figuren und Gesichter abstrahieren sie von den individuellen Portraits konkreter Personen der Ausgangsphotos. Das öffnet sie für einen Kontakt mit dem Betrachter, der die "Leerstellen" mit seinen Assoziationen, Erinnerungsbildern und Gestaltschließungen füllen kann. In der Installation werden "Masse und Macht" der Vergangenen nicht aufgehoben, etwa durch eine didaktische Auswahl exemplarischer Portraits. Der Betrachter muss selbst entscheiden, sich in den Schichten orientieren, finden, was ihn berührt. Die Spinnwebbilder werden zu einer Membran, auf der das Schattenreich der Vergangenen den heutigen Betrachtern nahe kommen kann. Aus dem Dunkel des Vergessens tauchen die Figuren auf in ein diffuses Dämmerlicht, in dem Begegnung möglich wird. In RECALL No. 2 wird diese Grenze nicht überschritten; die Vorgeborenen sollen zwar nicht im Dunkel versinken, aber sie bleiben in der Vergangenheit. Sie bleiben eigen und in ihrer Welt; sie lassen sich nicht in die Gegenwart zerren und vernutzen. Trotz der Kontaktaufnahme werden Distanz und Respekt erhalten.

Jedoch scheint für Gabriele Undine Meyer noch ein dritter Versuch nötig zu werden, um mit den Tücken der Erinnerung(sfotografie) umzugehen, denn "Unbeweglich fließt die PHOTOGRAPHIE von der Darstellung zurück zur Bewahrung" schreibt Barthes , und "..., sie ist ohne Zukunft (darin liegt ihr Pathos, ihre Melancholie); sie besitzt nicht den geringsten Drang nach vorn, indes der Film weiterstrebt ...".
Um diesem erneuten Risiko der "Bewahrung" zu entkommen, bringt Meyer die Bilder per Videofilm in Bewegung. In ihm sieht man jedes Bild der Bilderwand ca.10 Sekunden lang, manchmal bewegt von leichtem Hauch, schimmernd und changierend. Mit diesem Filmfluss wird den Bildern, den Betrachtern und dem Erinnerungsprozess potentiell Zukunft erschlossen. Die Kontakt- und Beziehungsaufnahme zu den Vergangenen entwickelt sich weiter. Die "geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unseren"
(wie Benjamin in "Über den Begriff der Geschichte" schreibt) wird fortgesetzt. Der "Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist", bleibt spürbar und auffordernd.

* In: Barthes, R.: Die Helle Kammer. Frankfurt/m. 1985, S.100

(aus Gabriele Undine Meyer, Recall - Arbeiten zum Thema Erinnerung, erschienen im Kerber Verlag Bielefeld, 2002, ISBN: 3-9333046-97-3